Checkliste Wildvögel

Jedes Jahr im Frühling beginnt das, was wir im Tierheim liebevoll „die Vogelsaison“ nennen. Junge verletze oder verwaiste Wildvögel werden nach und nach von Menschen aufgefunden, eingesammelt und zu uns gebracht. Nicht selten melden sich die Finderinnen und Finder im Vorfeld bei uns mit der Frage: Braucht dieser Vogel Hilfe?

Da es in manchen Fällen auch ein fataler Fehler sein kann, einen Vogel vorschnell aus seiner gewohnten Umgebung zu entfernen, ist eine genaue Analyse der Lage notwendig. Allgemein gilt natürlich: Ein Wildtier sollte nur aus seiner Umgebung entfernt werden, wenn es dringende menschliche Hilfe benötigt.

Anhand des folgenden Leitfadens können Sie vielleicht ein wenig besser abschätzen, ob ein Wildvogel auf Ihre und unsere Unterstützung angewiesen ist oder nicht.

Elementar ist hierbei die Unterscheidung von Nestling und Ästling.

  • Nestlinge sind sehr junge Vögel, die außerhalb des Nests nicht überlebensfähig sind. Sie sind meist kaum befiedert, oft noch nackt oder nur mit einem feinen Flaum bedeckt und können sich nicht selbstständig fortbewegen.
  • Ästlinge hingegen sind schon etwas älter. Sie sind bereits in jedem Fall vollständig befiedert und beginnen die Umgebung außerhalb ihres Nestes zu erkunden. Daher ist es gut möglich, einen solchen oft flugunfähigen Jungvogel dabei zu beobachten, wie er (möglicherweise leicht unbeholfen) erste Flugversuche unternimmt, umherhüpft oder piept. Dieses Verhalten ist in erster Linie noch kein Grund zur Sorge-in der Regel sind die Eltern des Tieres, sowie das Nest, ganz in der Nähe. Diese erscheinen erst zur Fütterung, wenn sich der Mensch wieder ausreichend entfernt hat.
  • Aufschluss darauf, ob es sich um einen Nestling oder einen Ästling handelt, geben oft auf die Beine (genannt „Ständer“) des Vogels. Nestlinge sind kaum bis gar nicht in der Lage auf diesen zu stehen. Sie liegen hauptsächlich auf ihrem Bauch oder den Unterschenkeln, die sie jedoch noch nicht vom Boden abheben. Ästlinge hingegen stehen bereits vollständig auf den Füßen und weisen somit eine Lücke zwischen Bauch und Boden auf.
  • Sind Sie dennoch unsicher, wenden Sie sich vorab an uns, einen vogelkundigen Tierarzt oder eine Vogelauffangstation/-Pflegestelle.

Wann ist menschliches Eingreifen notwendig?

  • Nestlinge sollten so schnell wie möglich zurück ins Nest gesetzt werden. Dass sie als Mensch das Tier dafür berühren müssen ist hinsichtlich der Wiederaufnahme durch das Muttertier kein Problem. Zu ihrem eigenen Schutz empfehlen wir natürlich trotzdem das Tragen von (Gummi-) Handschuhen. Sollte das Nest nicht auffindbar sein, bringen Sie den Vogel nach telefonischer Rücksprache zu uns oder zu einer professionellen Auffangstation/ Pflegestelle.
  • Bei Ästlingen hingegen besteht so schnell kein Grund zur Sorge. Hier sollte nur eingegriffen werden, wenn das Tier sich in einer akuten Gefahrenlage befindet (bspw. auf einer befahrenen Straße sitzt/ von einer Katze beobachtet wird). Ist das Tier unverletzt, bringen Sie es vorsichtig in einem nahegelegenen Gebüsch oder auf einem Ast in der Nähe des Fundorts in Sicherheit.

Katzen sollten in der Brutzeit vorrübergehend von Nestern ferngehalten werden

 

Wann ist eine tierärztliche Versorgung notwendig?

In einigen Fällen können wir als Tierheim keine angemessene Erstversorgung leisten, da unser Team zwar aus ausgebildeten und kompetenten Tierpflegerinnen und-pflegern, jedoch nicht aus Tierärztinnen/ -ärzten besteht. In den folgenden Fällen bitten wir Sie, den gefundenen Vogel umgehend in tierärztliche Hände zu übergeben:

  • Eine Katze (oder ein anderes Tier) hatte den Vogel bereits im Maul/ in ihren Fängen. Da im Maul von Katzen die Bakterienbelastung sehr hoch ist, ist der Speichel der Tiere sehr infektiös. Somit kann auch ein leichter Biss für einen Vogel tödlich enden. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf und in der Regel bleibt nicht viel Zeit, um mit einer Antibiotikakur entgegen zu wirken!
  • Der Vogel ist apathisch/ aufgeplustert und verharrt mit geschlossenen Augen dauerhaft an einem Ort/ ergreift nicht die Flucht. Dies deutet oft auf eine (möglicherweise innere) Verletzung des Tieres oder auf ein anderes körperliches bzw. gesundheitliches Defizit hin. Ein genereller „Check“ durch eine/n fachkundige/n Tierärztin/ Tierarzt ist hier durchaus von Vorteil.
  • Ist der Vogel sichtlich verletzt (z.B. blutende Wunden, herabhängender Flügel, schiefer Kopf), so raten wir auch dringend zu einer tierärztlichen Erstversorgung.

So können Sie erste Hilfe leisten

  • Den Vogel möglichst ruhig und dunkel unterbringen z.B. in einem Karton mit Luftlöchern und ausgelegtem Handtuch (Rutschgefahr!)
  • Wärmen Sie den Vogel zunächst mit ihrer Hand oder durch, später mit einer handwarmen Wärmflasche oder einer mit warmem Wasser gefüllten PET-Flasche. Unterkühlung kann für Nestlinge tödlich enden. Bitte sehen Sie von der Verwendung einer Wärmelampe ab, denn diese könnte das Jungtier austrocknen lassen.
  • Betten Sie den Vogel nun in ein Nest, am besten aus einem Handtuch oder einer Decke. Beachten Sie hierbei unbedingt, dass es sich nicht um Watte oder anderes, Fäden ziehendes Material handeln sollte. Hiermit kann sich der Vogel Gliedmaßen abschnüren. Achten Sie ebenfalls darauf, dass sie das Vöglein mit angezogenen und am Körper anliegenden Beinen in das Nest setzen, um die Bildung von Spreizbeinen zu vermeiden.

Was sind die DONT´S?

Jetzt haben Sie bereits einen guten Überblick darüber, wie Sie in welchen Situationen am besten helfen können. Im Folgenden finden sie eine Liste mit Dingen, die unbedingt zu unterlassen sind.

  • BITTE GEBEN SIE DEM VOGEL KEIN WASSER EIN! Die Luftröhre des Vogels liegt direkt auf der Zunge. Wasser darf daher niemals mit Pipette oder Spritze in den Schnabel eingegeben werden – so läuft der Vogel Gefahr, sich daran zu verschlucken, was schon bei geringen Mengen zum Tod durch Ersticken führen kann. Sie können größeren, selbstständig stehenden Vögeln alternativ eine Schale mit Wasser anbieten, den Akt des Trinkens jedoch der freien Entscheidung des Tieres überlassen.
  • BITTE FÜTTERN SIE DEN VOGEL ZUNÄCHST NICHT! Die Ernährung von Vögeln variiert je nach Art und Alter. Die falsche Nahrung kann oft mehr Schaden anrichten als helfen. Außerdem sollte davon abgesehen werden, das Tier zuzufüttern. Sperrt das Tier nicht freiwillig (d.h. es öffnet seinen Schnabel nicht von selbst), muss man händisch nachhelfen. Vor allem bei Jungvögeln geht man damit bei falscher Ausführung das Risiko ein, dass der Schnabel verletzt wird oder es zu einer Aspiration kommt.
  • BITTE WERFEN SIE DEN VOGEL NICHT IN DIE LUFT! Das klingt zwar für manche Menschen sehr skurril, für einige ist es jedoch der intuitive Test, um zu sehen, ob ein Vogel flugfähig ist. Das kann jedoch Verletzungen verschlimmern und einen großen Stress für die Tiere bedeuten.

Für Fragen aller Art und beratende Gespräche stehen wir Ihnen zusätzlich jederzeit zur Verfügung.

Ein vogelfreundlicher Garten

Auch abseits von akuten Notfällen können Sie einiges für unsere gefiederten Freunde tun. Ein paar Beispiele finden Sie hier:

  • Gefahrenquellen entschärfen (bspw. offene Regentonnen abdecken, Ausstiegshilfe aus Pools und Teichen bieten, usw.)
  • Einheimische Blumen, Stauden, Sträucher und Bäume pflanzen
  • Ganzjährig Wasserschalen anbieten
  • Fensterfronten klar kennzeichnen (Außen angebrachte Markierungen wirken hierfür deutlich besser als innen angebrachte.)
  • Nistmölichkeiten schaffen (z.B. durch Nistkästen)
  • Verzicht auf Pestizide

Die Tiere werden es Ihnen danken!